Pfadjägerinnen

Sein und lassen

By 28. Juni 2020 Ride Heart

Ich war dieser Tage allein in Saalbach-Hinterglemm auf den Trails unterwegs und dort ploppte ein Thema auf, dass mich eigentlich schon eine Ewigkeit begleitet.

Ich war gerade auf dem schier endlos langen Hacklbergtrail, als ich einmal links raus fuhr, um eine Kuh zu streicheln, was Frau halt so machen muss, wenn ihr eine auf dem Weg begegnet. Davon abgesehen haben meine Waden einfach gebrannt, weil ich zugegeben nicht mehr so in Form bin, seit der Kleine da ist. 

Da kamen von hinten zwei Kerle an und stellten sich vor mich, sodass ich nicht einfach hätte weiterfahren können. Ich fragte die Beiden daraufhin, ob sie gleich weiter fahren oder auf jemanden warten würden, weil ich sonst vorbei wollen würde. Einer der Beiden meinte völlig außer Atem, dass sie in der Tat auf jemanden warten würden und ich ihnen eine Minute geben solle. Ich wartete kurz, bloß worauf eigentlich? Ich fragte, ob sie mich dann durchlassen würden, wenn sie noch stehen bleiben wollten, da ich sie zuvor auch nicht aufgehalten hätte. Dadurch fühlten sich die Herren wohl derart unter Druck gesetzt, dass kurzerhand beschlossen, sofort weiter zu machen. In mir fing sich das Gedankenkarussell an zu drehen. Warum denken die Kerle, dass ich sie aufhalten würde, ohne mich fahren gesehen zu haben? Denken sie, dass ich so eine lahme Krücke bin, dass sie sogar mit Abstand (also falls sie noch etwas warten würden) so schnell aufschließen würden, dass ich sie trotzdem ausbremsen würde? Denken Sie das allein schon weil ich eine Frau bin? Oder weil ich eine dicke Frau bin? Oder haben sie mich doch fahren sehen und befunden, dass ich eine Gurke bin? 

Maaaaaan…

Und dann sind mir diese unzähligen Male eingefallen, als ich aus einer Trailsektion in einem Park raus kam und mich, leider vornehmlich Kerle, sahen und dennoch vor mir noch schnell in die Line zogen. Ich habe wirklich gar kein Problem damit, wenn jemand schneller ist. Ich will niemanden aufhalten und fahre selbstverständlich bei jeder Gelegenheit raus, sobald ich einen Freilauf hinter mir höre. Aber ich hatte oft das Gefühl, dass manch jemand automatisch davon ausgegangen ist, dass ein Mädel langsam sein und er sich schnell noch davor setzen muss. Und wie gern hab ich mich dann immer wieder dran gehängt, nur um zu beweisen, dass sie falsch liegen… 

Ich gehöre definitiv nicht zu den besten Fahrerinnen, doch ganz langsam bin ich sicher auch nicht mehr. Aber halt, warum mache ich mir überhaupt diese Gedanken? Warum versuche ich mich ständig einzuordnen und zu rechtfertigen, statt die Dinge einfach wertfrei anzunehmen wie sie sind? Ich habe keinerlei Rennambitionen mehr, es gibt nichts worauf ich trainiere. Trotzdem fühle ich mich oft von einer inneren Stimme getrieben die mir abverlangt, dass ich mich unter Beweis stellen muss. Zum Einen, weil ich zeigen will, dass man als Frau gescheit fahren kann. Gewiss noch mehr, weil ich demonstrieren will, dass man ebenso als Plus Size Dame auf dem Rad etwas leisten kann. Diese Einstellung hat mich schon so manches Mal an den Rand meiner körperlichen Belastungsgrenze und darüber hinaus gebracht. Siehe meine Heli-Krankenhaus-Story vom Geißkopf.

Nur, wem will ich eigentlich was beweisen?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand aus einem Trail kommt und sich danach denkt: „Wow, die Große hat’s mir aber gezeigt.“ Und selbst wenn, ist es wirklich das was ich möchte? 

Wenn ich genau hin spüre, dann würde das vielleicht mein Ego kurz etwas streicheln, jedoch nicht den Kern der Problematik treffen. Es geht hierbei doch eigentlich um mein eigenes, total sinnfreies Schubladendenken. Natürlich funktionieren wir Menschen so, dass uns gewohnte Denkmuster Sicherheit geben. Jedoch interpretiere ich in das Verhalten Anderer meine eigenen Themen und Ängste hinein. Denken die vorhin beschriebenen Männer denn wirklich in diese Richtung? Vielleicht wollten sie mir nur höflich den Weg frei machen? Und selbst wenn ich richtig damit liege, was ändere ich mit meinem Ärger darüber?

Was bleibt

Was bleibt ist, mir meiner gedanklichen Vorgänge zunehmend bewusst zu werden. Auf diese Weise können Vorurteile Stück für Stück abgebaut und verändert werden. So wird Platz geschaffen, aus dem eine neue Freiheit entsteht, weg von engen Vorstellungen, wer wie und wie was zu sein hat. Dann kann ich tun was ich tue um des Tun selbst willen. WERTFREI! Und dann kann ich Anderen diesen Raum geben, dass sie ebenfalls einfach sein dürfen. WERTFREI!

Und das ist, was wahrer Flow für mich bedeutet. Ein Tätigkeitsrausch, der nicht erst auf dem Trail beginnt und nicht einfach unten im Tal endet. Sondern vielmehr eine erstrebenswerte Lebenseinstellung meinen Mitmenschen, vor allem jedoch mir selbst gegenüber.

Fühl dich jetzt mal ganz fest gedrückt, nachdem du diesen Text gelesen hast. Du bist genau so wie du bist, wundervoll, einzigartig und absolut richtig! 

Inga

P.S. Dann triggert mich es vielleicht auch irgendwann nicht mehr, wenn der Hotelier schwer erstaunt darüber ist, dass ich als Frau!!! die X-Line gefahren bin. 😅

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